Geschichte

12. – 14. Jahrhundert

Der Bezirk OBEREGG, auch das Äussere Land genannt, stellt formaliter die einzige politische Gemeinde Innerrhodens im Vollsinn des Wortes dar. Obwohl ein Fund römischer Münzen beim Weiler Heilbrunnen auf eine recht frühe Begehung schliessen lässt, erfolgte die Besiedlung durch die Alemannen laut urkundlicher Erwähnung erst im Übergang vom 12. zum 13. Jahrhundert. Einzig Büriswilen stellt einen Ortsnamentypus der Karolingerzeit dar. Die grosse Zahl von Rodungsnamen, sowie die Erwähnung von Hofnamen nach den wilden Tieren - Bensel oder Bernsol, Bernsboden, Falchenstein, Uelenhorst und Wolftobel (bis 1870 innerrhodisch) bedeuten eine zweite Epoche der Kolonisation. Die Siedler stammten namlich aus dem Appenzeller Mittelland und von den damals bedeutenden rheintalischen Höfen Bernang (Berneck), Marbach und Altstätten.

Die Einwohner unserer Gegend waren von jeher Gotteshausleute, d. h. Untertanen des Abtes von St.Gallen, wobei sie an dessen Meierhöfe Abgaben zu entrichten hatten. Daneben erschienen aber auch die Herren von Rosenberg-Berneck und die Meier von Altstätten. So bauten die Ritter von Altstätten im 12. respektive 13. Jahrhundert die Burg Hoch-Altstätten. Den äbtischen Untertanen war es untersagt, sich ohne Einwilligung des Abtes zu politischen Gemeinschaften zusammen zu schliessen oder sich mit solchen zu verbünden. So scheinen sich die Bauern von Oberegg und Hirschberg der appenzellischen Freiheitsbewegung erst allmählich angeschlossen zu haben.

15. Jahrhundert

Eine Urkunde vom 10. August 1404 beweist, dass die Appenzeller Streifzüge ins Gebiet von Oberegg unternommen hatten. Darin einigten sich die Appenzeller mit den Obereggern über die Aufnahme ins Landrecht. Letztere wurden der Rhode Trogen zugeteilt. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts kam es zum Zusammenschluss der östlichen Gebiete des Vorderlandes. "Nachpurschaft am Hersberg". Ein weiteres Indiz für einen Anschluss der Gegend von Oberegg an die Appenzeller zeigt der Sieg der Appenzeller an der Honegg am 4. November 1428 über eine Streifschar Friedrichs VII. von Toggenburg. Der Friede vom folgenden Jahr verbot nämlich weitere Aufnahmen ins Landrecht.

16. Jahrhundert

Wie aus den Landrechnungen von 1535 hervorgeht, war das Vorderländer-Gebiet in die Zwischenzeit in den Halbrhoden "Ober-Egg, Hirsperch und Kurzenperch" (Heiden, Wolfhalden und Lutzenberg) unterteilt worden. Die "Ober-Egg" umfasste das heutige Gemeindegebiet von Oberegg und Reute, südlich vom Rinkenbach - heute Fallbach genannt. Ausserdem gehörten dazu die Höfe Schwellmühle, Oberrüti, Hof Strick, Klee, Grund und Mitlehn zusammen mit dem Gebiet bis hinunter nach Büriswilen sowie Walzenhausen als Teilgebiet der Rhode Hirschberg.

Die Glaubenswirren zur Zeit der Reformation waren unter anderen Gründen mit verantwortlich, dass sich das "Land Appenzell" schliesslich in die politischen Gebilde der "Inneren- und Äusseren Rhoden" aufteilte. Oberegg blieb von diesen Wirren nicht verschont. Noch vor der Landteilung (1597) war die Rhode Hirschberg in Ober- und Unterhirschberg (Walzenhausen) geteilt worden. Die Gründe sind wohl darin zu suchen, dass die Unterhirschberger zum grössten Teil protestantisch, die Oberhirschberger aber mehrheitlich katholisch waren. Denn in den Vorderländer-Gebieten setzte sich nicht das Kirchhöriprinzip von 1524 durch, sondern, mindestens seit dem Siege der Katholiken bei Kappel 1531, das Prinzip des paritätischen Kultus in den Kirchen mit katholischer Minderheit. Politisch wirkte sich dies dann in der Teilung des Landes Appenzell aus. Den katholischen Bewohnern des oberen Hirschbergs und Obereggs, die schon während der Religionsstreitigkeiten 1588 (Beitritt zum Spanischen Bündnis) zu Innerrhoden gehalten hatten, ging es in erster Linie darum, bei ihrem Glauben bleiben zu können. Sie sonderten sich von ihren evangelischen Nachbarn durch Wahl eigener Hauptleute ab. Da aber die Konfession von Hof zu Hof wechselte, konnte die Landteilung hier nicht geographisch-territorial vorgenommen werden. In Artikel 3 des Landteilungsbriefes vom 8. September 1597 wird Oberegg separat behandelt: "Die Katholiken in Oberegg und am oberen Hirschberg sollen zu Innerrhoden, die Reformierten zu Ausserrhoden gehören, Unterhirschberg bei Ausserrhoden verbleiben." Dies hiess im Klartext: Jene Höfe, auf welchen Katholiken wohnten, wurden an Innerrhoden, jene, auf welchen Evangelische sassen, an Ausserrhoden zugeteilt. So war ein politisch einmaliges Kuriosum entstanden. Katholiken und Evangelische lebten wie bisher in beiden Rhoden zusammen, unterstanden hingegen dem Recht und der Gerichtsbarkeit zweier getrennter Staatswesen.

17./18. Jahrhundert

Der praktischen Durchführung des Prinzips erwuchsen allerdings grosse Schwierigkeiten. Man versuchte dem 1637 dadurch abzuhelfen, dass der gegenwärtige Besitzstand an liegenden Gütern perpetuiert wurde und man bei Fall an die andere Konfession eine finanzielle Auslösung vorsah.

Im Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert sorgte der Franzoseneinfall ("Helvetik"), auch in Oberegg erneut für Unruhe. Die Halbrhoden Oberegg und Hirschberg wurden dem Distrikt Wald des Kantons Säntis zugeschlagen: die Weiler Kapf und Boden dem Distrikt Oberrheintal. Die Oberegger waren mehrheitlich gegen die Neuordnung. An der Landsgemeinde vom 3. Mai 1789 rief ein Oberegger den die neue Verfassung ("Konstitution") empfehlenden Standespfarrer Gschwend vom Stuhl herunter. Gegen die Eidleistung auf die neue Verfassung verliessen die Oberegger die Landsgemeinde und fassten unter der Führung Johann Kolb und Martin Locher eigenständig auf der "Roten Wees" den Beschluss, zu den Waffen zu greifen. Die Aufständischen wurden aber am 4. September 1789 von helvetischen Truppen aus dem Distrikt Herisau bei Oberholzern / St.Anton überwältigt.

19. Jahrhundert

Während der Zeit der Mediation (von Napoléon Bonaparte gegebene, 1803 - 1813/14 geltende Verfassung der Schweiz) lebten die Streitigkeiten um die Grenzziehung zwischen Innerrhoden und Ausserrhoden erneut auf. Das von der Tagsatzung eingesetzte Schiedsgericht fand eine Kompromisslösung zwischen geschlossenem konfessionellem Besitzstand und Niederlassungsfreiheit. Ausserrhoder durften im Gebiet von Oberegg Innerrhoder Heimwesen im Verhältnis 1:9 erwerben. Der Versuch einer endgültigen Regelung der Grenzen scheiterte. Dies ermöglichte erst die Gründung des neuen Bundesstaates. Ein Bundesbeschluss vom 25. Juli 1870 regelte die seit der Einführung der Bundesverfassung von 1848 immer brennender gewordenen Streitigkeiten. Es galt nun, die Innerrhoder Verfassung dem Bundesrecht anzupassen. So wirkte vor allem das Postulat der Niederlassungsfreiheit aller Schweizerbürger als pièce de résistance. Ein Aktionskomitee aus Oberegg und Hirschberg reichte gegen Ende des Jahres 1868 eine mit 301 Unterschriften unterzeichnete Petition an den Grossen Rat ein, in welcher die Wiederaufnahme der seit 1853 kaum mehr berücksichtigten Anpassung der innerrhodischen Verfassung an die Bestimmungen der Bundesverfassung gefordert wurde. Zudem drohten die Petitionäre mit dem Rekurs an die eidgenössischen Behörden, falls die Petition abgelehnt würde. Der Grosse Rat ging jedoch nicht auf diese Demonstration eines Volkteiles ein, sondern setzte eine Spezialkommission zur Widerlegung der Petition ein. Ständerat Dr. Rusch verfasste in deren Auftrag eine Druckschrift, in welcher die Petitionäre mit demütigender Geringschätzung überschüttet wurden. Dieses ungebührliche Vorgehen hatte zur Folge, dass das Aktionskomitee, das auch von Gonten und Haslen unterstützt wurde, sich an die eidgenössischen Räte wandte und schliesslich erreichte, dass die Innerrhoder Regierung durch einen Bundesbeschluss aufgefordert wurde, die Kantonsverfassung den Bestimmungen der Bundesverfassung anzugleichen. Am 24. November 1872 nahm die Landsgemeinde den neuen Verfassungsentwurf mit grossem Mehr an.

20. Jahrhundert

Die neue Kantonsverfassung brachte für Oberegg und Hirschberg bedeutsame Veränderungen. Mit Inkrafttreten der neuen Verfassung wurden die Rhoden als politische Institutionen abgeschafft. Hirschberg und Oberegg bildeten von nun an den Bezirk Oberegg. Im Laufe der Zeit führte der Umstand der weiten Entfernung vom Hauptort Appenzell den neuen Bezirk zu vermehrter politischer Eigenständigkeit. Viele der im inneren Landesteil zentral geführten Verwaltungsaufgaben mussten nun in eigener Regie gelöst werden. Dieses historisch bedingte Faktum brachte dem Bezirk Oberegg politisch den Status einer Gemeinde. Unter anderen erledigt die Bezirksverwaltung - zum Teil in Zusammenarbeit mit Abteilungen der kantonalen Verwaltung - folgende Amts- und Verwaltungsaufgaben: Zivilstandswesen, Grundbuchamt, Betreibungswesen, Erb- und Vormundschaftswesen, Fürsorgeamt, Schriftenkontrolle, Zivilschutz und Aufgaben des Sektionschefs, Führung des Güterrechtsregisters und des Wechselnotariats. Ebenso entscheidet ein eigenes Bezirksgericht erstinstanzlich über Zivil- und Strafrechtsfälle. Dadurch erfüllt der Bezirk Oberegg selbst auch die staatlichen Angelegenheiten, die eine Dezentralisation zulassen oder erfordern, was dazu führt, dass gleichartige Obliegenheiten im einen Landesteil durch kantonale und im andern durch kommunale Behörden und Amtstellen verrichtet werden. Bezeichnenderweise ist in der Verfassung auch nicht ein einziges Mal vom "Äusseren Landesteil" die Rede. Dem "Inneren Landesteil" wird regelmässig der Bezirk Oberegg gegenübergestellt.

So kennt Oberegg beispielsweise ein eigenes Bürgerrecht. Dieses wird nicht von der Landsgemeinde, sondern von der Bezirksgemeinde (seit Ende der 60er Jahre die Urnenabstimmung) erteilt. Der Grosse Rat entscheidet sodann jedoch über das Kantonsbürgerrecht. Bei Problemkreisen wie Spitalwesen, Gewässerschutz, Wasserversorgung und Kehrichtabfuhr ist unser Bezirk auf die Nachbargemeinden der Kantone Appenzell Ausserrhoden und St.Gallen angewiesen.